Ein Plädoyer für ein erfolgreiches und erfülltes Leben
Ein Plädoyer für ein erfolgreiches und erfülltes Leben
Haben Sie sich schonmal bewusst oder kritisch mit dem Begriff Erfolg auseinandergesetzt? Welche Bedeutung hat Erfolg für Sie persönlich? Wie deutet oder definiert unsere Gesellschaft Erfolg? Wie drückt sich Erfolg in Unternehmen oder in Familien aus? Was bedeutet ein erfolgreiches oder erfülltes Leben für mich und strebe ich danach, es zu verwirklichen?
Erfolg ist in seiner Bedeutung vielschichtig und facettenreich. Dies kommt auch durch die Vielzahl an Synonymen zum Ausdruck, wie etwa Anerkennung, Gelingen, Errungenschaft, Gewinn, Sieg, Durchbruch, Triumpf, Auszeichnung oder Karriere, um nur einige zu nennen. Erfolg kann sich in unterschiedlichen Lebensphasen und -bereichen einstellen, beispielsweise im Sport, im Beruf, im Studium oder im sozialen Engagement. Erfolg kann zudem subjektiv oder objektiv, langfristig oder kurzfristig, individuell oder kollektiv sowie sichtbar oder unsichtbar sein. Für mich stellt sich die Frage im Hinblick auf mein Leben insgesamt: Werde ich am Ende meiner Tage sagen können, dass es erfolgreich war? Gibt es so etwas wie einen allumfassenden Lebenserfolg?
Über die Bedeutung oder des Wertes eines erfolgreichen Lebens nachsinnend ereilt mich folgender Fragenkomplex: Wird die Interpretation von Erfolg in unserer westlichen Welt nicht zu sehr von einer wirtschaftlichen Sichtweise überschattet oder dominiert. Wurde die Bedeutung von Erfolg durch sie unterwandert? Lasten nicht ein permanenter Erfolgs- und Erwartungsdruck auf unseren Schultern, die unsere eigene Persönlichkeits- oder Potenzialentfaltung und Kreativität lähmen und behindern können und die uns hineinzwängen in ein unfreies Leben? Bin ich tatsächlich frei in dem Sinne, dass ich darüber entscheiden kann, welche Bedeutung Erfolg für mich persönlich hat? Geht es den zahlreichen Selbstdarstellern und Selbstoptimierern in unserer modernen Gesellschaft tatsächlich um Erfolg im Sinne von persönlichem Wachstum oder der Entfaltung der eigenen Potenziale? Oder geht es um Likes, um Anerkennung, um ein Gesehenwerden und Gefallenwollen? In unserer Welt, in dem Erfolg unseren Wert und das eigene Selbstwertgefühl bestimmt, stehen viele Menschen vermutlich unter hohem Druck. Das eigene Wertesystem ist nur dann zulässig und gerechtfertigt, wenn es zu konkreten und sichtbaren Erfolgen führt.
Mein Eindruck: Erfolg, in seiner modernen Form, ist stark durch wirtschaftliche Impulse und Einflüsse bestimmt, die sich als Werte und Normen in Kultur und Gesellschaft verankert haben. Erfolg ist zu einem gesellschaftlichen Erwartungskonzept verkommen und beeinflusst maßgeblich unser Denken und Handeln. Demnach ist Erfolg kein isoliertes Konzept, sondern kontextabhängig und hat wahrscheinlich in verschiedenen Kulturen und sozialen Gruppen unterschiedliche Bedeutungen oder Ausprägungen.
Wir leben in der westlichen Hemisphäre, einer wohlhabenden und hochentwickelten Region der Erde. Und das Wirtschaftliche spielt eine dominante Rolle. Kapitalistische Strukturen sind tief in unser Denken und Handeln verwoben. Sind wir ehrlich zu uns selbst: Erfolg wird allzu oft gleichgesetzt mit erreichtem Status oder herausragender Leistung. Indikatoren für sichtbaren Erfolg sind Macht, Einfluss, Karriere oder Geld, sowie Anerkennung und Prestige. Wir schauen auf zu den Menschen, die es geschafft haben, die Karriere gemacht, die Einfluss gewonnen haben.
Wie lautete der bekannte Slogan im Werbeclip der Sparkasse der 1990er Jahre: Mein Haus, mein Auto, mein Boot! Zwei Freunde wetteifern darüber, wer mehr im Leben erreicht hat. Möglicherweise war die Intention hinter dem Werbespot ironisch. Symbolträchtiger kann es jedoch kaum sein. Die Quintessenz ist in Erinnerung geblieben und hatte prägenden Charakter: Erfolg zeigt sich durch Besitz und durch die Akkumulation von Eigentum und Vermögen.
Eingebettet in unseren westlichen kulturellen und gesellschaftlichen Kontext wird persönlicher Erfolg immer mehr zu einer Herausforderung. Denn Bewertungsmaßstab sind häufig die bereits erwähnten, oft unausgesprochenen und subtil inhärenten Erwartungen, durch Gesellschaft und Kultur: Status, Macht, Einfluss oder Prestige. Und Erfolg gilt als solcher, wenn er sichtbar, beispielsweise durch Statussymbole, ist. Erfolge, die tagtäglich im Kleinen erzielt werden, in der Schule, in der Pflege, im Privaten oder in der Vereinsarbeit, werden übersehen. Die Ideologie des sichtbaren und auf wirtschaftlichen Grundsätzen basierenden Erfolgskonzeptes gilt es zu hinterfragen. Wenn es gelingt, sich davon zu lösen, dann kann ein wirklich erfülltes und erfolgreiches Leben geführt werden.
Lassen Sie uns Erfolg in seiner Begrifflichkeit etwas genauer betrachten. Erfolg stammt vom Verb erfolgen ab. Gemeint ist damit die Konsequenz oder der Effekt einer Handlung. Wir haben es mit einem kausalen Zusammenhang zu tun. Erfolg ist die Wirkung einer Handlung als Ursache. Somit setzt Erfolg ein Handeln voraus. Gleichzeitig braucht es einen konkreten Anlass als auch eine bewusste Entscheidung zur Handlung. Erfolg ist daher ohne weitere Ergänzungen in Form von detaillierteren Beschreibungen nicht greifbar. Es gilt, Antworten auf wesentliche Fragen zu formulieren: Möchte ich erfolgreich sein? Worin möchte ich erfolgreich sein? Bis wann möchte ich, dass sich Erfolg einstellt? Wie kann ich feststellen, ob ich erfolgreich bin? Was benötige ich, um erfolgreich sein zu können?
Antworten auf diese, und weitere Fragen, münden in einer konkreten Zielbeschreibung. Ziele drücken aus, was ich erreichen möchte, wie der Erfolg aussehen soll. Dabei sind sie nicht nur Orientierungsgeber und Motivator, sondern auch pragmatischer Wegweiser zur Erfolgsbewertung. Habe ich mein Ziel erreicht, dann waren meine Bemühungen und Entscheidungen erfolgreich. Habe ich mein Ziel verfehlt, dann habe ich versagt. Dieser Sichtweise mutet beinahe etwas Dichotomisches an, da nur zwischen Erfolg oder Misserfolg unterschieden wird. Natürlich hat diese Betrachtungsweise auch ihre Berechtigung. Im Kleinen, für einzelne konkret messbare Ziele. Entweder bin ich befördert worden oder nicht. Entweder wurde das Handballspiel gewonnen oder nicht. Entweder habe ich die Prüfung bestanden oder nicht. Entweder. Oder. Doch gilt diese Sichtweise auch für ein ganzes Leben? Wie sinnvoll ist am Lebensende die Frage nach Erfolg oder Misserfolg? Was macht ein erfülltes Leben aus?
Das Leben ist weit mehr als eine Aneinanderreihung von Erfolgen und Misserfolgen. Ich glaube, dass es im Kern darum geht, seinen eigenen Zweck der Existenz und wichtige Lebensziele zu definieren und das Leben danach auszurichten. Natürlich kann ich auch einen metaphysischen Weg einschlagen und grundsätzlich nach dem Sinn des Lebens fragen. Doch wird mich dies vermutlich in eine Sackgasse führen und nicht weiterbringen. Vielleicht reicht es zu akzeptieren, dass der Sinn des Lebens das Leben selbst ist.
Zur Definition des persönlichen Zwecks der Existenz und wichtiger Lebensziele gehört auch, seine eigenen Werte zu kennen, um sich selbst gegenüber treu sein zu können. Es gilt, das eigene, ganz persönliche Ziel- und Wertesystem differenziert und ehrlich zu betrachten und zu gestalten. Und hier warten wichtige Fragen auf Antwort: Was möchte ich im Leben erreichen? Was ist der Zweck meiner Existenz? An welchen wegweisenden Zielen orientiere ich mich in meinem Leben? Achte ich mich selbst? Glaube ich selbstwirksam zu sein? Finde ich Antworten auf diese oder vergleichbare Fragen, dann kann ich das Leben in meinem eigenen Sinne ausrichten.
Wenn ich mich für meinen individuellen Weg entscheide, besteht das Risiko, dass meine Perspektive im Widerspruch zu den durch Wirtschaft und Gesellschaft geprägten Vorstellungen von Erfolg steht. Eine Kollision ist unvermeidlich, wenn mein Ziel- und Wertesystem mit einer universellen Sichtweise auf Erfolg unvereinbar ist. In diesem Kontext werden die folgenden Fragen relevant: Passe ich mich dem äußeren Erwartungsdruck an, oder orientiere ich mein Handeln an meinen eigenen Werten und Überzeugungen? Lasse ich mich verführen und manipulieren, oder bleibe ich mir treu? Auf den Punkt gebracht: Entscheide ich mich für ein selbstbestimmtes und freies Leben, welches sich an meinem persönlichen Zweck der Existenz orientiert und mit meinen eigenen Werten vereinbar ist, oder entscheide ich mich für ein fremdbestimmtes und angepasstes Leben, basierend auf universellen Zielen, die nicht meinen persönlichen Werten entsprechen?
Folge ich blind den Erwartungen, dann laufe ich Gefahr, mich immer weiter von mir selbst zu entfernen. Ich werde potenziell zu einer Marionette, fremdgeleitet einem gesellschaftlichen Erfolgsideal hinterherlaufend. Bleibe ich mir und meinen Werten treu, dann steigt das Risiko, im Sinne der sozialen Zugehörigkeit nicht oder weniger akzeptiert zu werden. Im Extremfall werde ich als Sonderling wahrgenommen und als Außenseiter behandelt. Ist diese Sichtweise nicht auch dichotomisch? Sind ein Kompromiss oder eine Versöhnung der beiden Sichtweisen möglich?
Wir müssen unsere Einstellung zum Konzept Erfolg überdenken und verändern. Erinnern wir uns dazu an den kausalen Zusammenhang: Erfolg ist die Wirkung einer Handlung als Ursache. Dem ist nicht zu widersprechen. Jedoch ist es zu klein gedacht. Hinter Erfolg und Handlung steht die grundsätzliche Einstellung und Haltung mir selbst und dem Leben gegenüber. Diese drückt sich nicht zuletzt durch Werte und Glaubenssätze aus.
Werte sind grundlegende Überzeugungen, die unser Verhalten, unsere Entscheidungen und unsere Interaktionen mit anderen beeinflussen. Sie dienen als Leitfaden dafür, was wir für wichtig halten und wie wir in verschiedenen Situationen reagieren. Werte sind dabei oft unbewusst. Glaubenssätze sind tief verankerte Annahmen, die wir über uns selbst, andere Menschen und die Welt haben. Sie entstehen im Laufe unseres Lebens durch Erfahrungen, Erziehung, soziale Prägung und kulturelle Einflüsse. Sie sind eine Interpretation unserer Werte und gewissermaßen die „Brille, durch die wir unsere Wirklichkeit sehen.“
Handlungen sind eingebettet in ein Konstrukt bestehend aus Werten und Glaubenssätzen und dieses Konstrukt gibt mir die Richtung für mein eigenes Leben vor. Schauen wir uns das am Beispiel Freiheit als wichtigen Wert an: Gemäß Definition[1] wird Freiheit in einem weiten Sinn als die Möglichkeit verstanden, ohne Zwang zwischen unterschiedlichen Optionen auswählen und entscheiden zu können. Das eigene Leben kann nach den eigenen Vorstellungen gestaltet werden.
Glaubenssätze zum Wert Freiheit sind mannigfaltig und höchst individuell. Beispielsweise kann ein Glaubenssatz lauten „Ich darf mich und mein Potenzial frei entfalten.“ Dieser Glaubenssatz drückt aus, dass Freiheit gelebt werden darf und persönliche Ziele verfolgt werden können. Entscheidungen werden getroffen, die in Einklang mit dem Wert Freiheit stehen. Dieser Glaubenssatz fördert Selbstbewusstsein und Motivation zur Verwirklichung von Träumen und Zielen. Ein alternativer Glaubenssatz kann lauten: „Ich muss mich anpassen und meine Bedürfnisse nach Freiheit unterdrücken.“ Dieser Glaubenssatz vermittelt das Gefühl, dass Freiheit geopfert werden muss, um den Erwartungen anderer gerecht zu werden oder auch um Konflikte zu vermeiden. Er kann zu negativen Gefühlen, wie etwa Unzufriedenheit oder Wut führen, da eigene Bedürfnisse und Wünsche vernachlässigt werden. Solche Überzeugungen schränken die Handlungsfreiheit ein und können zu inneren Konflikten führen.
Zusammengefasst: Erfolg hat mit gesellschaftlichen Erwartungen, die stark kapitalistisch geprägt sind, als auch mit meiner eigenen Einstellung mir selbst im Besonderen und dem Leben im Allgemeinen gegenüber zu tun. Was dominiert? Ich denke, dass diese Frage nicht allgemeingültig zu beantworten ist. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass meine persönliche Einstellung und Haltung mein Verhalten und mein Handeln prägen. Vielleicht kommt es nicht so sehr darauf an, den Fokus auf Handlung und Verhalten zu legen, sondern mehr auf die eigene Lebenseinstellung und die individuellen Lebensziele.
Werte und Glaubenssätze sind reflektierbar und damit – zumindest in Teilen – veränderbar. Ich kann mich demzufolge bewusst mit meiner Lebenseinstellung auseinandersetzen – und Veränderungen erreichen. Und ich kann mich so von den Fesseln der kapitalistisch geprägten Erfolgsbedeutung befreien. Zumindest teilweise. Ich glaube, dass ein Kompromiss zwischen der wirtschaftlich geprägten Erfolgsideologie und meiner individuellen und freien Sichtweise auf Erfolg und ein erfülltes Leben nicht möglich ist. Es gibt nur ein entweder oder. Entweder akzeptiere ich die universelle Sichtweise, oder ich beginne, mir und meinen Zielen und Werten treu zu sein. Jeden Tag aufs Neue. Letzten Endes entscheidet jeder Mensch für sich selbst.
Was werde ich wohl denken, kurz vor meinem Tod? Werde ich auf ein erfolgreiches und erfülltes Leben zurückblicken? Oder werde ich erkennen, dass ich mich habe in weiten Teilen fremdsteuern und verführen lassen? Werde ich bereuen, dass ich nicht den Mut hatte, mir selbst treu zu bleiben, statt so zu leben, wie andere es von mir erwartet haben? Meine Erfahrung: Nicht mit dem Strom zu schwimmen kann etwas sehr Befreiendes haben.
[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Freiheit